PASSIVES DEHNEN VS AKTIVES STRECKEN UND WEITEN
Beim klassischen Dehnen lehnen wir uns mit unserem Gewicht in einen Muskel und üben durch diese Krafteinwirkung von außen Zug auf ihn aus – der Muskeln WIRD bewegt, er bewegt sich dabei nicht selbst. Strecken hingegen ist ein Weiten von innen heraus, an dem der Muskel aktiv beteiligt ist. Auch hier längen sich Muskel und umliegendes Gewebe – jedoch in Form eines Räkelns, im Rahmen der eigenen Elastizität, aus eigener Kraft des Muskels und nicht durch äußere Krafteinwirkung auf ihn.
In der Fachsprache nennt man das Pandikulieren: eine instinktive Bewegung, ein aktives Dehnen als Reaktion auf eine Körperempfindung, die signalisiert, dass sich etwas in uns eng, starr oder kollabiert anfühlt.
Statt an unseren Geweben zu ziehen, können wir also weich werden und erspüren, wo es sich in uns gerade eng oder unbeweglich anfühlt — und dem daraus entstehenden Bewegungsimpuls folgen. Uns durch die Füße, durch die Hände, durch die Körpermitte bewegen. Den eigenen Körper wie eine Landschaft fühlend durchstreifen, durchgleiten, Winkel aufspüren, die nach Weite, Lebendigkeit oder Kraft verlangen, weil sie vielleicht lange ruhig gestellt oder eingesunken waren.
Wir wollen im Yoga eine Bewegungsqualität finden, die sich von innen heraus entfaltet — wie ein Gähnen, wie ein Atemzug, der sich ausdehnt. Eine Bewegung, die den Körper von innen weitet und lockert, statt ihn von außen auseinanderzuziehen. Wir wollen genussvoll, kraftvoll und mit Gefühl expandieren, nicht zerren. Bewegungen finden, die durch uns hindurchfließen wie ein Fluss — lebendige Wellen, die sich natürlich entfalten, wo wir Enge spüren.
Diese Art der Bewegung versorgt die Wirbelsäule, das Bindegewebe und die Gelenke mit Feuchtigkeit und Nährimpulsen. Gleichzeitig macht sie kraftvoll — ohne isoliertes Muskeltraining, sondern durch ein ganzkörperliches, vernetztes Kräftigsein.
Im somatischen Yoga betrachten wir die Körperhaltungen nicht als Ziel, dass es zu perfektionieren gilt, sondern als Rahmen, in dem wir erspüren können, wo in unserem Körper Bewegung fehlt.
Wichtig ist dabei, nicht bis zum Anschlag in Extrempositionen zu gehen. Die Muskeln sollten jederzeit „mitreden“ können, sodass wir uns ruckfrei in eine Haltung hinein- und auch wieder hinausbewegen können. Wir bewegen uns in einem angenehmen Spielraum. Zwingen wir uns in Extreme, steigt das Verletzungsrisiko — besonders beim Herauskommen aus der Position. Wenn unser Körper bremst, tut er das nicht ohne Grund: Muskelwiderstand ist oft ein Schutzsignal, wenn uns Kraft, Vorbereitung oder Integration für eine Haltung fehlen.
Vanda Scaravelli schreibt in Awakening the Spine:
„Don’t kill the instinct of the body for the glory of the pose.“
Eine Haltung, die wir unbedingt erreichen wollen, zieht uns vielleicht an, weil wir etwas mit ihr verbinden: Grazie, Geschmeidigkeit, Eleganz, Kraft, Beweglichkeit oder ein bestimmtes Körpergefühl. Doch dieses Gefühl lässt sich nicht erzwingen. Es entsteht nicht dadurch, dass wir uns in eine Form hineinpressen und aushalten — sondern indem wir lernen, von innen heraus Bewegung, Weite und Lebendigkeit Stück für Stück zu entfalten.
Wir wollen, dass unsere Muskeln aus sich heraus geschmeidig sein können. Je verschiedener die Bewegungen und Widerstände sind, denen unsere Muskeln, das Bindegewebe, die Nerven etc. begegnen, desto anpassungsfähiger und artikulierter und damit geschmeidiger werden wir.
